Danke sagen …

… unter diesem Titel bekam ich gestern von meiner lieben Freundin Dany eine Geschichte geschenkt. 
Nennt mich irre oder sentimental oder sonstwas, aber ich bekam beim Lesen Gänsehaut, denn auch wenn es nur eine einfache kleine Geschichte ist, so zeugt sie doch von Wärme, Freundschaft und Verständnis und vorallem davon, dass es keines teuren Geschenkes bedarf um all dies auszudrücken. In dieser kleinen Geschichte liegt für mich der wahre Geist Weihnachtens verborgen und nicht das ganze kommerzielle Briborium, das heutzutage die meisten unter den Festtagen deuten.

Und genau aus diesem Grund möchte ich euch die Geschichte nicht vorenthalten und auch Danke sagen … Danke lieb Dany für dieses wundervolle Geschenk 🙂

Danke sagen …

Weihnachten war nur noch zwei Tage entfernt und noch immer hatte Melissa keine Geschenke für ihre Freunde.
Sie hatte bisher keinen glorreichen Einfall gehabt und auch ihr Geldbeutel war nicht gerade das, was man voll und üppig nannte.
Stattdessen musste sie feststellen, dass sie einfach nicht genug Münzen in der Tasche hatte um irgendjemanden irgendetwas zu kaufen. Das Geld brauchte sie eindeutig für ihre warme Mahlzeit im Bauch.
Mit traurigem Gesicht blickte die blonde, junge Frau auf einen imaginären Punkt auf der Wand.
Die Worte ihres Freundes, warum sie denn unbedingt irgendetwas schenken wolle, hatte er selbst nicht nach drei Jahren Beziehung verstanden.
Sie wollte nicht etwas schenken, um des Schenkens Willen – es war vielmehr ihr Dankeschön an die Menschen, die sie begleitet hatten.
Doch dieses Mal schien sie keine Chance zu haben, ihren Wunsch wahr werden zu lassen.
Sie saß auf ihrem Bett und starrte  zum Fenster hinaus. Ihre blauen Augen richteten sich auf das winterliche Treiben draußen auf der Straße – in der Welt.
Dicke Schneeflocken wurden vom Wind aufgescheucht und wirbelten durcheinander, wie die Blätter im Herbst.
Melissa hätte alles dafür gegeben, wenn ihr etwas eingefallen wäre.
Mit tränennassen Gesicht sah sie weiterhin aus dem Fenster und ignorierte die ausgemergelte Silhouette ihrer selbst im Fenster.
Dieses Jahr war doch das Weihnachtsfest umso wichtiger für sie. Es gab so viele Menschen, denen sie hätte danken wollen.
So viele liebe, gute Menschen, nicht nur in der Realität sondern auch im Internet … Egal, wie sehr man es verpöhnte Freundschaften über das Internet aufzubauen, aber ihre besten Freundinnen aus ganz Deutschland kannte sie nun einmal über das Internet – manche sogar nur darüber.
Die meisten Menschen, die sich im virtuellen Leben die Zeit vertrieben, hatten selbst oft genug Probleme, die sie dazu trieben Schutz zu finden. Den Meisten war es auch einfach nur wichtig, auf Gleichgesinnte zu treffen, die mit einem redeten, wenn die offizielle Realität es schon nicht fertig brachte.
Melissa seufzte, was sollte sie nur tun? Es war schon dunkel draußen, jetzt brauchte sie auch nicht mehr losgehen und irgendjemanden irgendetwas kaufen.
Die Zeit sprach eigentlich genug Bände um ihr klar zu machen, dass sie sich nun ins Bett legen musste.
Verzweifelt stapfte sie ins Bad, warf sich das lange blonde Haar über den Kopf und blickte in den Spiegel. Ihre stumpfen blauen Augen, die nur hin und wieder funkelten, waren umrahmt, von einem schmalen Gesicht und hätte sie weiter an sich hinunter gesehen, hätte sie wohl einen noch zierlicheren Körper gefunden, aber sie wusch sich stattdessen, kämmte sich noch einmal die nassen Haare und ging dann nach dem Zähneputzen endlich ins Bett.
Lange lag sie noch wach, hatte sich fest vorgenommen morgen wolle sie einkaufen gehen und wenigstens Schokolade für ihre Geschwister besorgen.
Es war der nächste Tag, als sie draußen an der frischen Luft stand und den vielen Schnee sah, der im matten Sonnenschein funkelte. Die unberührten Teile der Schneelandschaft zauberten Melissa ein Lächeln auf das Gesicht. Hätte sie doch nur für ihre Freunde beschreiben können, was sie sah, was sie in diesem Moment fühlte. Wie  gerne hätte sie ihnen einfach geschrieben, wie wundervoll es war im Schnee zu spazieren und einen Schneeball in der Hand zu formen, den man einfach nach vorn schleuderte, selbst im Risiko einen Menschen zu treffen, den man eigentlich nicht hatte treffen wollen.
Sie hätte ihnen gerne erklärt, dass ihr echtes Wesen eigentlich genau das war. Melissa war nicht gerne traurig. Sie liebte es zu lachen, aber das Leben hatte manchmal die furchtbare Angewohnheit ihr Steine in den Weg zu legen, über die sie stolperte. Trotzdem hatte sie immer ihre Freunde um sich herum, die sie auffingen.
Die Aufregung über die Schönheit der Welt im weißen Zauber der Weihnacht war auf ihren sonst so blassen Wangen in rötlichen Flecken  zu erkennen.
Mit etwas mehr Fröhlichkeit im Blick, dass sich bis in ihr Herz bahnte, machte sie sich auf den Weg zur Kaufhalle, um noch einige preiswerte Dinge zu holen, die am Ende genauso viel ausdrücken sollten, wie jedes andere teure Geschenk dieser Welt.
Doch als sie aus dem Laden gekommen war, hatte sie die Freude in dem Geschäft zurückgelassen.
Sie war ihr unterwegs bei den hanebüchenen Preisen verloren gegangen, fürchtete Melissa.
Selbst die kleinsten Kleinigkeiten kosteten bereits an die fünf Euro und ein kleiner simpler Weihnachtsmann alleine kostete schon zwei der Münzen.
Frustriert, nicht mehr auf den Schnee achtend, ging sie den Weg nach Hause. Am liebsten hätte sie auf der Straße angefangen den drängenden Tränen nach zu geben, doch ihre Augen blieben trocken. Stattdessen war ihr Kopf gesenkt.
Als sie an dem Park vorbei ging, sah sie eine eingeschneite Bank. Gedankenverloren, mit dem dringenden Wunsch nicht sofort nach Hause zu müssen, wo sie sich weiter selbst überlassen worden wäre, setzte sie sich auf die hölzerne Sitzgelegenheit und starrte auf die Baumwipfel vor sich, die auch nur knorrige Äste zeigten und lediglich von dem weißen Schnee in eine gewisse Magie getaucht wurden. Die Sonne schien noch immer, auch wenn sich bereits Wolken zu sammeln begannen.
Nach einigen Augenblicken der bitterlichen Traurigkeit, die sie spürte, sah sie aus den Augenwinkeln etwas auf sie zukommen.

„Oh bitte!“, sagte eine junge Stimme, die zu einem kleinen Mädchen gehörte zu Melissa.
Überrascht blickte sie auf: „Wer bist du denn?“, eine völlig dusselige Frage, wie Melissa feststellte, denn eigentlich hatte sie wissen wollen, was das Mädchen mit „Oh bitte“ andeuten wollte.
Doch die Kleine schien die eigentliche Intention der Frage begriffen zu haben oder aber sie hatte es geschickt ignoriert.
„Oh bitte, bitte – kannst du mit mir einen Schneemann bauen?“, fragte das junge Mädchen mit einem flehenden Gesichtsausdruck.
„Wo sind denn deine Eltern?“, war ihre Antwort.
„Mama sitzt dort drüben in dem Rollstuhl.“, sagte das Mädchen schüchtern. Die Augen der jungen Frau glitten in die Richtung in die das Kind gezeigt hatte und ihr Blick kreuzte sich mit dem der Mutter, eine stumme Mundbewegung schien ebenfalls ein „Bitte“ zu formen.
Melissa sah wieder zu dem Wirbelwind vor sich: „Na gut, dann lass uns einen Schneemann bauen.“ Die kleine Brünette strahlte sie einfach an, bevor sie „Du bist toll“ rief. Fast erinnerte das Mädchen Melissa an sich selbst, als sie in dem Alter gewesen sein mochte. Sie hatte es geliebt mit ihren Eltern Schneemänner zu bauen. Eigentlich hatte sie das jeden Winter gemacht, doch seit einigen Jahren hatte sie das Gefühl gehabt, aus solchen Dingen herausgewachsen zu sein.
„Wie heißt du denn?“, wiederholte Melissa ihre Frage vom Anfang.
„Ich heiße Selina und du?“, war die bloße Erwiderung.
„Mein Name ist Melissa.“, unwillkürlich folgte ein Lachen von ihr.
Mit einem kleinen Schneeball hatte alles angefangen und nach einiger Zeit – Melissa hatte keine Uhr, also konnte sie nicht sagen, wie lange die beiden an ihrem sehr seltsamen Kunstwerk gebastelt hatten – hatten sie die dritte Kugel endlich auf die zweite gesetzt.
Der Schneemann reichte Melissa bis zu ihrem Brustkorb und sie war gute ein Meter dreiundsechzig groß.
„Dann fehlen ja nur noch Augen, eine Nase und der Mund.“, sagte Melissa als sie mit einem leicht schiefen Kopf den Grundriss des Schneemanns noch einmal betrachtete.
Selina, die sich als sechsjähriges Mädchen herausgestellt hatte, tat es ihr gleich und sagte dann voller Stolz: „Mama und ich haben dafür gesorgt, dass er nicht frieren kann.“ Sie rannte zu ihrer Mutter hinüber, nahm den Rucksack der am Rollstuhl hing und in weniger als einer Minute stand sie wieder bei Melissa.
„Da, das sind die Augen.“, mit kleinen Händen wurden ihr zwei Knöpfe gereicht, die Melissa sorgsam in die kleinste der drei Schneekugeln als Augen einsetzte.
Erst jetzt nahm Selina die große Möhre aus ihrem Rucksack und reichte sie ebenfalls an Melissa, die sie zur Nase des Schneemanns umfunktionierte.
Danach bekam sie einige kleine Steinchen, die den Mund bildeten und dem Schneemann das Lachen komplettierte.
„So dann braucht er noch einen Schal und eine Mütze“, riet Selina altklug, bevor sie plötzlich aufschreckte. Scheinbar hatte sie nicht damit gerechnet, in die Höhe gehoben zu werden.
„Keine Sorge, ich halte dich und du setzt dem Schneemann die Mütze auf und wickelst den Schal um seinen Hals“, erwiderte Melissa, die vor sich her grinste. Ein bisschen frech war das schon gewesen, aber der kleine Schreck hatte sie amüsiert.
„Oh, ach so – Danke“, sagte Selina erleichtert und tat, wie ihr geheißen. Am Ende, als sie alles fertig hatten, sah Selina den Schneemann an: „Das ist ein toller Schneemann und er soll Fridolin heißen.“ Melissa lachte auf, alle ihre Schneemänner hatten auch den Namen Fridolin getragen.
„Das ist ein ganz besonderer Schneemann, Selina. Ich glaube er heißt Herr Fridolin – findest du nicht auch?“ Selina nickte begeistert und nahm nun Melissa mit an der Hand zu ihrer Mama.
Die Mutter von Selina blickte plötzlich erschrocken auf die blanken Hände von Melissa.
„Sie hätten wirklich nicht ohne Handschuhe den Schneemann mit ihr bauen müssen. Es ist doch bestimmt kalt.“ Melissa schüttelte den Kopf: „Wenn ein solcher Sonnenschein nach einem Schneemann fragt, wie kann man da nein sagen?“ Selina blickte zu ihr auf: „Du hast jedenfalls nicht nein gesagt.“ Die Mutter der Brünette lächelte zu ihrem Kind hinunter, da kam Melissa auf die Idee etwas völlig anderes zu fragen: „Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie helfen?“ „Nein, das geht schon alles in Ordnung. Mein Mann holt mich nachher hier zusammen mit Selina ab, aber ich glaube, Sie haben etwas auf dem Herzen. Sie wirkten dort auf der Bank nicht gerade, wie jemand, der besonders glücklich ist.“ Melissa seufzte und fragte: „Sieht man mir das so deutlich an?“ „Vorhin ja, beim Schneemannbauen hatte ich kurz das Gefühl, dass zwei Kinder an … Selina, wie heißt der Schneemann denn jetzt eigentlich?“ „Herr Fridolin!“, sagte Selina und lächelte ein Zahnlückenlächeln.
„Danke, mein Schatz und bitte setz‘ dir die Mütze wieder richtig auf.“, erst nach der Mahnung wandte sie sich wieder Melissa zu: „Ja, als Sie Selina geholfen haben einen Schneemann zu bauen, hatte ich das Gefühl, dass zwei Kinder Herrn Fridolin seine Gestalt geben.“, die Mutter lachte ein bisschen, fügte die Frage aber schnell hinzu: „Was bedrückt Sie denn, vielleicht kann ich Ihnen einen Rat geben? Sie sehen aus, als könnten Sie einen brauchen.“ „Naja, eigentlich … es geht um Weihnachten. Ich habe dieses Jahr so viele Menschen, denen ich für ihr Dasein danken müsste, dass ich keine Ahnung habe, wie ich das bewerkstelligen sollte, so viel Geld habe ich gar nicht …“ „Oh, Sie Dummerchen.“, sagte Selinas Mutter: „Schauen Sie sich doch nur Herrn Fridolin an! Sie haben ein völlig fremdes Kind glücklicher gemacht, als es in diesem Augenblick sein könnte und selbst heute Abend wird sie ihrem Vater alles ganz genau erzählen und noch mehr Freude empfinden. Wie können Sie da bezweifeln, dass Sie ihre Lieben nicht glücklich machen können? Das ist geradezu lächerlich. Es muss doch nichts gekauftes sein … vielleicht … sollten Sie ihnen einfach wirklich „Danke“ sagen.“ Melissa lächelte: „Ja … ja, das habe ich auch schon überlegt.“ „Warum dann nicht auch tun? Können Sie etwas besonders gut?“ „Ich kann gut schreiben!“, sagte Melissa sofort, ohne lange darüber nachdenken zu müssen: „Na ja … ich kann schreiben“ „Seien Sie doch nicht so selbstkritisch, schreiben Sie Ihren Freunden und Ihrer Familie einfach, wie dankbar Sie Ihnen sind, dass sie da sind.Das ist doch das schönste Weihnachtsgeschenk, was ein Mensch bekommen kann oder denken Sie, dass diese Menschen so oberflächlich sind, dass Sie sich nicht darüber freuen würden?“, fragte die Frau im Rollstuhl weiter.
„Natürlich sind meine Freunde nicht oberflächlich …“, brüskierte sich Melissa und stemmte die Hände in die Hüften.
„Ich kenne jedenfalls niemanden, der sich über so ein Geschenk echauffieren würde.“ Melissa schmunzelte leicht: „Wahrscheinlich haben Sie sogar Recht. Vielen Dank, für diesen Rat“ „Keine Ursache. Ich bin Ihnen ohnehin etwas schuldig. Immerhin haben Sie meine Tochter glücklich gemacht, dass ist das schönste Geschenk, was eine Frau, wie ich, zu dieser Jahreszeit bekommen kann. Ich vergesse immer, wie schwer es für Selina sein muss, mit einer Mutter im Rollstuhl zu leben, wenn sie lächelt und strahlt, dann fühlt sich alles so unendlich normal an.“ „Ich denke, sie ist ein sehr tapferes Mädchen und tapfere Mädchen haben es verdient zufrieden zu sein. Hoffentlich werde ich auch einmal irgendwann eine gute Mutter.“ „Zumindest werden Sie Ihren Kindern das Gefühl geben, verstanden zu werden, immerhin hält man Sie ja auch für eines.“, die Mutter grinste und Melissa, die eigentlich empört sein wollte, konnte nicht anders als zu lachen.
Melissa lachte so frei, wie selten. Es war keines dieser aufgesetzten – sondern ein ehrliches. Ein Moment in denen ihre abgestumpften Augen, wie wundervolle Aquamarine funkelten.
Am Abend als sie zu Hause war, lächelte sie ihren Freund an und sagte: „Ich mache jetzt mein Weihnachtsgeschenk für all die Leute, die mir wichtig sind und die ein schönes Weihnachtsfest verdient haben.“ Den verdatterten Blick ignorierte Melissa allerdings, stattdessen fragte sie: „Liebling, machst du mir bitte eine Tasse Tee – ich habe furchtbar kalte Hände.“ Als dann nach einiger Zeit die Tür aufging und ihr Freund mit zwei Tassen in das Arbeitszimmer kam, in dem Melissa saß, wollte er einen Blick auf ihr Geschenk werfen, doch sie verhinderte es.
„Das ist doch auch für dich – nicht gucken!“, meinte Melissa wieder ganz die sechsjährige, die mit Selina den Schneemann gebaut hatte.
Zeile um Zeile füllte sich, während draußen vom Nachbarhaus weihnachtliche Lichter zu ihr blitzten, die Schneeflocken wieder ihr Unwesen trieben und eine leise Weihnachtsmelodie sich in ihrem Kopf abspielte. Das Lächeln auf ihren Zügen erlosch nicht, denn das alles fühlte sich richtig an.

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